Zusammenfassung
In Deutschland werden jedes Jahr hunderte Millionen Artikel zurückgeschickt. Wer den Retourenprozess versteht und steuert, senkt Kosten, gewinnt Geschwindigkeit und erschließt neue Umsätze über Recommerce. Dieser Beitrag zeigt, wie Retouren heute funktionieren.

Was passiert aktuell mit unseren Retouren
Der überwiegende Teil der Retoure, fließt direkt wieder als A-Ware in den Verkauf, weitere Volumina werden über B-Ware, Refurbished-Angebote oder Recommerce- und Zweitmarktplätze weiterverwertet. Entsorgung ist mit unter 4 % die Ausnahme und betrifft nahezu ausschließlich Produkte mit Defekten sowie Hygiene- oder Sicherheitsrisiken.
Gleichzeitig ist die Kundenseite weiter, als viele Händler annehmen. Etwa die Hälfte der Kund:innen interessiert sich aktiv dafür, was mit Retouren passiert, weitere rund 25 % sind durch transparente Information erreichbar. In Summe sind rund 75 % offen für Recommerce und Zweitverwertung.
Der Retourenprozess
Retouren werden nicht durch Einzelmaßnahmen profitabel, sondern durch einen klar gemanagten End-to-End-Prozess.
Vom Moment der Rückgabeentscheidung bis zur Wiedervermarktung zählt jede Stunde, denn jede Retoure ist ein Asset auf Zeit. Genau deshalb folgen Retouren fast immer derselben Logik: Unabhängig von Kategorie, Marke oder Kanal durchlaufen sie klar definierte Stationen mit festen Entscheidungspunkten. Der Prozess beginnt mit einer strukturierten Rückgabe und einem effizienten Rückversand und endet in einer gezielten Aufbereitung, einer bewussten Verwertungsentscheidung und dem aktiv gesteuerten Wiederverkauf. Entscheidend ist dabei die Systematik: Sie bestimmt, ob Retouren als reiner Kostenfaktor enden oder sich zu einem steuerbaren Wertstrom entwickeln.
Marktüberblick: Retouren im deutschen E-Commerce
Deutschland als Retouren-Hochmarkt
Je nach Warengruppe wird jedes fünfte bis achte Paket zurückgeschickt, was sich jährlich auf rund 280 Millionen retournierte Pakete beziehungsweise etwa 487 Millionen einzelne Artikel summiert. Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich: Die Gesamtkosten liegen bei über 5,4 Milliarden Euro pro Jahr, bei durchschnittlichen Kosten von rund 20 Euro pro Retoure. Etwa die Hälfte davon entfällt auf den Transport, der restliche Anteil auf Handling, Prüfung, Lagerbindung und den Wertverlust über Zeit.
Für Kund:innen sind Retouren meist „kostenlos“. Tatsächlich werden diese Kosten jedoch indirekt getragen – über Preise, Gebühren und Margen. Retouren sind damit kein Service-Extra, sondern ein struktureller Kostenfaktor, der im Geschäftsmodell mitfinanziert wird.
Deutschland vs. Europa
Deutschland gehört im europäischen Vergleich zu den Ländern mit dem höchsten Retourenaufkommen und liegt strukturell über dem EU-Durchschnitt. Treiber dafür sind unter anderem der weit verbreitete Kauf auf Rechnung, eine sehr liberale Retourenpolitik sowie die feste Erwartung kostenloser Rücksendungen auf Kundenseite. Besonders sichtbar wird dieses Muster im Fashion-Bereich, doch auch in technischen und haushaltsnahen Kategorien bleiben Retouren wirtschaftlich relevant nicht primär durch hohe Quoten, sondern durch andere Kostentreiber wie Prüfaufwand, Logistik und Wertverlust.

Warum Retourenquoten bei verschiedenen Kategorien variieren
- Fashion: hohe Retouren durch Passform, Bracketing und Stilunsicherheit. Mehrfachbestellungen sind Teil des Kaufverhaltens, wodurch schnelle Klassifizierung und Wiedervermarktung entscheidend werden.
- Elektronik: niedrigere Retourenquoten, aber höhere Prüf- und Handlingkosten. Funktionstests und technische Prüfungen bestimmen, wie schnell ein Artikel wiederverkaufsfähig ist.
- Möbel & Sperrgut: geringe Retourenquote, dafür hoher Handling-Impact. Größe, Gewicht und Logistikaufwand machen jede einzelne Retoure wirtschaftlich relevant.
- Baby & Kids: sensible Anforderungen an Hygiene und Sicherheit. Vertrauen, Transparenz und saubere Prüfprozesse sind Voraussetzung für jede Zweitverwertung.
Implikation: Ein einheitlicher Retourenprozess ist immer zu teuer. Erfolgreiche Händler segmentieren nach Kategorie und Artikelwert.
Welche Kosten wirklich in einer Retoure stecken
Der Versand ist sichtbar, die eigentlichen Kosten einer Retoure sind es nicht. Sie entstehen im manuellen Handling im Lager, in der Prüf- und Aufbereitungszeit, durch Lagerbindung und Flächenkosten sowie durch Wertverlust über Zeit und Saison. Hinzu kommen Abschläge im externen Abverkauf, wenn Ware nicht kontrolliert weitervermarktet wird. Eine Retoure kostet nicht 3–4 Euro, sondern häufig 10–20 Euro noch bevor sie überhaupt wieder verkauft ist.
Wo im Prozess Wert verloren geht
Wert geht nicht bei der Retoure selbst verloren, sondern dann, wenn Entscheidungen zu spät oder ohne belastbare Daten getroffen werden. Fehlt eine klare Klassifizierung, entstehen lange Liegezeiten, pauschale Abschläge ersetzen differenzierte Preislogiken und der Abverkauf wird an externe Kanäle ohne Markenführung ausgelagert. Genau an diesen Bruchstellen entsteht der Hebel für brand-owned Recommerce: Kontrolle über Zustand, Preis, Kanal und Marke entscheidet darüber, ob Wert erhalten bleibt oder dauerhaft abgegeben wird.
Re-Commerce wird zur Strategie
Aktuelle Marktanalysen, unter anderem aus dem Retourenkompendium des Bundesverband E-Commerce und Versandhandel, zeigen klar: Recommerce wird nicht mehr als Experiment betrachtet, sondern als notwendiger Bestandteil moderner Handelsmodelle. Treiber sind steigende Retourenkosten, wachsender Margendruck im Kerngeschäft, ESG- und CSRD-Anforderungen sowie regulatorische Entwicklungen rund um Kreislaufwirtschaft.
Viele Unternehmen starten Recommerce-Initiativen mit Buy-back- oder Trade-in-Modellen. In der Praxis beginnt Recommerce jedoch fast immer früher – bei den Retouren. Die Ware ist bereits vorhanden, ihr Zustand bekannt, die Logistik etabliert und die Nachfrage existent. Retouren sind damit der niedrigste und pragmatischste Einstiegspunkt in einen eigenen Second-Life-Kanal.
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