Zusammenfassung

Second-Hand entwickelt sich zu einer ernstzunehmenden Kraft im Einzelhandel und markiert einen neuen Schritt für die Circular Economy. Mit zunehmender Bedeutung zirkulärer Geschäftsmodelle wird das zweite Leben von Produkten zu einer echten wirtschaftlichen Chance. Dieser Artikel zeigt am Beispiel der ReTuna Second Hand Mall in Schweden, dem weltweit ersten Einkaufszentrum für wiederverwendete Produkte, wie das Konzept funktioniert und was Marken daraus für Circular Retail und Resale lernen können.

In der schwedischen Stadt Eskilstuna werden gebrauchte Produkte systematisch gesammelt, repariert und wiederverkauft. Das Ergebnis: mehr als 50 neue Jobs, Millionen an Umsatz mit Second-Hand-Waren und ein funktionierendes Einzelhandelsmodell für die Kreislaufwirtschaft.

Retuna Mall in Schweden

Was ist ReTuna und warum ist das relevant?

Die ReTuna Återbruksgalleria in Eskilstuna entstand aus der Idee, Recycling nicht nur als Entsorgungsprozess zu betrachten, sondern als wirtschaftliche Chance für Wiederverwendung. Die Stadt Eskilstuna hatte bereits ein kommunales Recyclingzentrum, an dem Bürger ihre ausrangierten Gegenstände abgeben konnten. Dabei zeigte sich jedoch ein wiederkehrendes Muster: Ein großer Teil der abgegebenen Produkte war noch funktionstüchtig oder mit wenig Aufwand wieder nutzbar. Trotzdem wurden viele dieser Gegenstände entweder recycelt oder entsorgt, weil es keine strukturierte Infrastruktur gab, um sie systematisch wieder in den Markt zu bringen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte die Stadt ein neues Konzept: Statt Recycling und Wiederverkauf voneinander zu trennen, sollten beide Prozesse an einem Ort zusammengeführt werden. Die Idee war, aus dem klassischen Wertstoffhof einen Ort zu machen, an dem Produkte nicht nur abgegeben, sondern auch aufbereitet und erneut verkauft werden können. 2015 wurde dieses Konzept mit der Eröffnung der ReTuna Återbruksgalleria umgesetzt. Das Projekt kombiniert ein kommunales Recyclingzentrum mit einem Einkaufszentrum, das vollständig auf wiederverwendete Produkte ausgerichtet ist.

Wie das ReTuna-System funktioniert

Wie Produkte im Recyclingzentrum gesammelt werden

Die ReTuna Återbruksgalleria basiert auf einem geschlossenen Produktkreislauf, der Sammlung, Aufbereitung und Wiederverkauf miteinander verbindet. Ziel des Konzepts ist es, möglichst viele Produkte, die sonst im Abfall landen würden, erneut nutzbar zu machen und wieder in den Markt zurückzuführen. Der Kreislauf beginnt damit, dass Bürger ihre gebrauchten Gegenstände direkt beim kommunalen Recyclingzentrum neben dem Einkaufszentrum abgeben. Dabei handelt es sich um unterschiedlichste Produktkategorien, von Möbeln und Kleidung über Elektronik bis hin zu Spielzeug oder Haushaltswaren. Anders als bei klassischen Wertstoffhöfen endet der Prozess hier jedoch nicht mit der Entsorgung.

Wie sie für den Wiederverkauf ausgewählt werden

Stattdessen werden die abgegebenen Produkte von Mitarbeitenden der kommunalen Organisation AMA im sogenannten Depot „Returen“ geprüft und vorsortiert. Dort wird bewertet, welche Artikel noch ein zweites Leben haben können und welche tatsächlich recycelt werden müssen. Produkte mit Wiederverwendungspotenzial werden anschließend an die Shops innerhalb des Einkaufszentrums weitergegeben, während beschädigte oder nicht mehr nutzbare Gegenstände in den klassischen Recyclingprozess gehen.

Werkstatt in der die Produkte aufbereitet werden

Wie Händler Produkte aufbereiten und wieder verkaufen

Nachdem die Produkte vorsortiert wurden, beginnt die eigentliche Wertschöpfung im Einkaufszentrum selbst. Die Händler wählen aus den verfügbaren Artikeln gezielt die Produkte aus, die zu ihrem Sortiment passen und sich wirtschaftlich weiterverkaufen lassen.

Je nach Zustand werden diese anschließend repariert, restauriert, redesigniert oder upgecycelt. Viele der Shops verfügen dafür über eigene Werkstätten direkt im Center. Möbel werden restauriert oder neu gestaltet, Kleidung wird gereinigt, angepasst oder kreativ umgestaltet, und elektronische Geräte werden technisch überprüft und refurbished. In manchen Fällen werden Materialien auch komplett neu kombiniert und in neue Produkte verwandelt.Erst nach dieser Aufbereitung gelangen die Artikel wieder in den Verkauf.

Wie der Verkauf im ReTuna-Einkaufszentrum funktioniert

Der Verkaufsprozess folgt dabei den gleichen Prinzipien wie im klassischen Einzelhandel. Produkte werden kuratiert, neu arrangiert und in thematischen Sortimenten angeboten. Möbel werden beispielsweise in eingerichteten Wohnsituationen ausgestellt, Kleidung hängt nach Größen und Stilrichtungen sortiert auf den Ständern, und Elektronikgeräte werden getestet und funktionsfähig präsentiert.

Für Besucher entsteht dadurch ein vollwertiges Shopping-Erlebnis, das sich kaum von einem herkömmlichen Einkaufszentrum unterscheidet. Kunden schlendern durch die Geschäfte, vergleichen Produkte und treffen Kaufentscheidungen direkt vor Ort. Der Unterschied besteht darin, dass jedes Produkt bereits einen vorherigen Lebenszyklus hatte und durch Reparatur, Aufbereitung oder Upcycling wieder marktfähig gemacht wurde.Genau darin liegt die zentrale Idee des Konzepts: Wiederverwendung wird nicht als Nischenlösung oder Kompromiss dargestellt, sondern als normaler Bestandteil des Einzelhandels, bei dem Produkte mit Geschichte genauso selbstverständlich verkauft werden wie neue Ware.

Warum ReTuna wirtschaftlich funktioniert

ReTuna ist dabei nicht nur ein Nachhaltigkeitsprojekt, sondern auch ein funktionierendes wirtschaftliches Modell. Das Einkaufszentrum zeigt, dass Wiederverwendung nicht ausschließlich ein ökologisches Konzept ist, sondern auch konkrete wirtschaftliche Effekte erzeugen kann.

  1. Schaffung neuer Arbeitsplätze: Durch Reparatur, Aufbereitung, Logistik und Handel sind rund 50 Jobs entstanden, viele davon in Bereichen wie Handwerk, Sortierung und Verkauf. Tätigkeiten, die in einer klassischen linearen Konsumlogik kaum vorkommen, werden hier zu einem festen Bestandteil der lokalen Wirtschaft.
  2. Lokale Wertschöpfung: Viele der Arbeitsschritte, vom Sortieren über die Reparatur bis zum Verkauf, finden direkt vor Ort statt. Anstatt Wertschöpfung in globale Produktionsketten auszulagern, bleibt ein größerer Teil der wirtschaftlichen Aktivität in der Region.
  3. Ökonomische Ressource: Produkte, die sonst entsorgt würden, werden durch Reparatur, Aufbereitung oder Upcycling wieder verkaufsfähig gemacht und erneut monetarisiert.

Das Modell zeigt, wie sich Second-Hand stärker in den klassischen Einzelhandel integrieren lässt. Wiederverkauf wird nicht als Nischenmarkt organisiert, sondern als regulärer Bestandteil eines Einkaufszentrums. Für Kunden wird Resale damit zu einer normalen Einkaufsoption,  neben Neuware, nicht als Alternative am Rand des Marktes. Mehr über die wirtschaftlichen Effekte und das Konzept beschreibt auch ein Beitrag des World Economic Forum.

Was Marken daraus lernen können

ReTuna zeigt eine grundlegende Dynamik im Handel: Der Zweitmarkt entsteht ohnehin. Produkte verschwinden nach dem ersten Verkauf nicht aus dem Markt, sondern tauchen auf Second-Hand-Plattformen, in lokalen Shops oder im privaten Weiterverkauf wieder auf. Die entscheidende Frage für Marken ist daher nicht, ob ein Zweitmarkt existiert – sondern wer daran verdient und wer den Kundenkontakt behält. Wenn Marken selbst Rücknahme-, Aufbereitungs- und Resale-Strukturen aufbauen, können sie diese zweite Produktphase aktiv steuern. So entstehen zusätzliche Umsätze aus B-Stock, Retouren und gebrauchten Produkten sowie neue Touchpoints mit bestehenden Kunden.

Umsetzung des Resale mit koorvi

Die zweite Lebensphase eines Produkts ist kein reines Nachhaltigkeitsthema, sondern ein Geschäftsmodell. Genau hier setzen wir bei koorvi an. Wir helfen Marken dabei, Produkte zurückzunehmen, aufzubereiten und über einen eigenen Resale-Kanal wieder zu verkaufen, markenkonform und skalierbar, statt den Zweitmarkt externen Plattformen zu überlassen.

Häufig gestellte Fragen

Wie groß ist die ReTuna Återbruksgalleria?

Die ReTuna Mall umfasst etwa 5.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Neben den Shops gibt es auch Bereiche für Workshops, Bildungsprogramme und Veranstaltungen rund um Nachhaltigkeit und Wiederverwendung.

Gibt es Bildungsangebote bei ReTuna?

Ja. ReTuna organisiert regelmäßig Workshops, Schulprogramme und Events, bei denen Besucher lernen können, wie Produkte repariert, umgestaltet oder länger genutzt werden können. Ziel ist es, Wissen über nachhaltigen Konsum zu vermitteln.

Wie viel Material wird durch ReTuna wiederverwendet?

Ein signifikanter Teil der im Recyclingzentrum abgegebenen Produkte wird für den Wiederverkauf ausgewählt. Dadurch können große Mengen an Möbeln, Kleidung und Elektronik vor der Entsorgung bewahrt und wieder in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden.

Warum wurde ReTuna in Eskilstuna gebaut?

Die Stadt Eskilstuna verfolgt seit vielen Jahren eine aktive Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsstrategie. Die Mall wurde als konkretes Projekt entwickelt, um Recycling, Wiederverwendung und lokale Wirtschaft miteinander zu verbinden.

Wurde das ReTuna-Modell international kopiert?

Das Konzept hat weltweit Aufmerksamkeit erregt und dient vielen Städten, Unternehmen und Circular-Economy-Projekten als Referenzmodell für reuse-basierte Retail-Konzepte. Delegationen aus verschiedenen Ländern besuchen regelmäßig die Mall, um das System zu analysieren.